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Horst Bethke(91)/49356 Diepholz
Horst Bethke/49356 Diepholz ist 91 Jahre und durch und durch Uhrmacher. Aber irgendwann ist wohl auch mal genug: Im Dezember wird der rüstige Rentner und Unternehmer 92. Jetzt schließt der Senior endgültig sein Uhren- und Schmuckfachgeschäft in der Wellestraße 15.
Damit geht, so die Auskunft aus dem Rathaus, die Tür des ältesten noch bestehenden Facheinzelhandelsbetriebes in Diepholz zu. Apropos Tür: Die Tür zum Laden ist nicht aus leblosem Plastik, sondern in Metall in den Farben Schwarz und Messing und einem diagonalen Türgriff aus einer Zeit, als Frauen noch Petticoats trugen und die Korallenkette bei Bethke fanden.
Der kleine Verkaufsraum strahlt Persönlichkeit aus. Keine uniforme, modern beleuchtete Atmosphäre mit anonymer Bedienkraft, sondern ein Ort, der Geschichten erzählen kann. Handgebaute Ausstellungsvitrinen zeigen Schmuck, der wieder „in“ ist. Uhren vom Wecker bis zum Innenleben einer Standuhr warten auf Interessierte.
Horst Bethkes Meisterbrief hängt an der Wand: Im März 1960 wird er ihm ausgehändigt, sein Geschäft eröffnet er im selben Jahr. Die 66 Jahre Betriebsjubiläum, wie er zu seinem 90. Geburtstag hoffte, macht er nicht voll. Aber Bethke schaut auf ein volles Berufsleben.
Der Uhrmachermeister und Juwelier wurde 1933 in Pommern geboren, floh nach Soltau und lernte sein Handwerk, absolvierte die Meisterschule in Hamburg und kam nach Diepholz. „Ich war Lehrling, als Uhrmacher noch weiße Kittel trugen“, erinnert er sich. Und an die größte je reparierte Uhr. „Wir bauten das Uhrwerk in einer Kirche in Soltau auseinander, brachten die Einzelteile per Schubkarre in die Werkstatt und reparierten die riesige Uhr. Später hieß es: Wieder rauf auf den Turm.“ Dann zeigt er eine durchsichtige Uhr mit poliertem Kirschholzrahmen und Stabuhrwerk. „Das ist ein Meisterstück von mir.“ Seine Werkstatt möchte er nicht auflösen, er hat Angst, dass ihm vielleicht doch zu langweilig wird, wenn das Geschäft am 16. November schließt. Die Werkstatt ist ein wunderbares Relikt aus den 1950/1960er Jahren, in dem auch Heinz Erhardt hätte drehen können: Tapeten aus Nierentisch-Ära, Lichtschalter mit Kippschaltern und Plexiglasumrandung, damit die Tapete nicht beschmutzt. Und dann liegt da ein klitzekleiner Hammer. „Den hat mein Großvater geschmiedet, das ist mein Lieblingswerkzeug“, so der Kollege.
Auf die Frage: „Was machen Sie denn dann mit dem Schaufenster?“, antwortet er schelmisch. „Ich halte die Beine raus und genieße.“
Tatsächlich liebt er die Ruhe, die benötigte er bei seiner Präzisionsarbeit immer. „Ich habe schon als Fünfjähriger bei meinem Vater mit am Werktisch gesessen.“ Bethke ist Uhrmacher durch und durch, kennt jedes Uhrwerk, die Macken und die Vorteile. Es wird ein Genuss sein, sich noch einmal von dem Fachmann beraten zu lassen und ein Stück Geschichte von Diepholz zu kaufen.
Bis zum 9. November hält Horst Bethke „die Fahne hoch“ und freut sich auf Kunden. Ab dem 9. November bis zum 16. November organisieren die zwei Töchter den Schlussverkauf. Auf Uhren und Schmuck, so denkt sich der Firmeninhaber, „gebe ich mindestens 20 Prozent Nachlass.“ Im Zeitfenster des Schlussverkaufs wird es geänderte Öffnungszeiten geben: Vormittags ist von 9 bis 12 Uhr und nach einer Mittagspause von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Bethke hat eine Bitte: „Es wäre prima, wenn die Reparaturen abgeholt werden bis dahin. Den Buchungszettel nicht vergessen...“
Ihm ist ganz klar, dass einige Wanduhren keine direkten Besitzer mehr haben. „Einige der Kunden sind schon gestorben, das weiß ich.“ Vielleicht finden Kinder oder Enkel den Weg zum Erinnerungsstück der Oma, dem Opa.

