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Flüssiges Gold

Als sechsjähriger Knirps hat Thomas Rinke/27726 Worpswede seinen ersten Silberring gemacht. Für die Mutter zum Geburtstag. Den nächsten selbst gefertigten Ring schenkte er der Grundschullehrerin. Material und Werkzeug waren kein Problem, und Helfer gab es auch in der Goldschmiedewerkstatt der Eltern. Damit waren die Weichen gestellt im Leben des Thomas Rinke. „Ich habe den Weg nicht rausgefunden“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Er lernte Gold- und Silberschmied. Sein Laden am Hotel Village prägt seit 2007 das Bild der Worpsweder Bergstraße mit. Nun soll Schluss sein. Spätestens im Oktober hofft Rinke, alles verkauft zu haben. Dann will er den Beruf aufgeben, nachdrücklich sagt er: „Es ist genug!“ Das nächste Kapitel seines Lebens hat er indes schon zu schreiben begonnen. Als eine Biene an Blüten vor dem Laden summt, sagt er: „Das könnte eine von meinen sein.“ 27 Bienenvölker stehen ein paar Hundert Meter entfernt bei ihm im Garten.

Das Handwerkliche habe ihn fasziniert, erzählt Thomas Rinke über seinen Beruf. Und da war er von Geburt an dicht dran. Als erstes Kind eines Goldschmiedepaares, das sich zu diesem Zeitpunkt gerade selbstständig gemacht hatte, sei er praktisch in der Werkstatt  aufgewachsen. Seinen Berufswunsch nennt er deswegen naheliegend. Der Vater, der weit über Worpswede hinaus bekannte Hadfried Rinke, sei davon allerdings nicht begeistert gewesen. „Er wollte gar nicht, dass ich das lerne.“ Dabei sei seine Werkstatt ein fantastischer Ausbildungsbetrieb gewesen. Thomas Rinke überzeugte den Vater letztendlich und lernte bei ihm das Goldschmieden. Sein zweiter Lehrberuf ist die Silberschmiede. Dafür ging er nach Hildesheim, und zum Abschluss beider Ausbildungen fertigte er an einem Tag beide Gesellenstücke für die Gold- und die Silberschmiede an. Die hat er aufgehoben. Das Meisterstück – ein Armband – hat er wieder eingeschmolzen. Es gefiel ihm nicht, und er brauchte das Gold.

Zwischen Ausbildung und Meister- und Technikerschule arbeitete Rinke für drei Jahre in verschiedenen Werkstätten, sein Weg führte ihn bis nach Norwegen. 1982 kehrte der Goldschmiedemeister nach Worpswede zurück und eröffnete seine eigene Werkstatt. Er verkaufte seinen Schmuck auf Kunsthandwerkermärkten und Messen, er lud zu Hausausstellungen ein. Dann der Laden auf Sylt. Zwei Jahre später war klar: „Da war ich fehl am Platz.“ Dort suchte die Kundschaft Schmuck, dem der Preis anzusehen ist. Nicht das, was der Worpsweder Goldschmied im Sinn hatte. Rinke sagt: „Ich bin ein Handwerker, ein Kunsthandwerker.“ Das Restaurieren von kleinen Gold- und Silberdenkmälern und Schmuck hat er auch gelernt, und er bildete im Laufe seines Berufslebens neun Azubis aus.

„Ich mache hauptsächlich Sachen, die mir Spaß machen“, erzählt Rinke über seine Arbeit. Angesagte Formen im Zeitgeschmack, wie etwa Dreiecke, zählt er nicht dazu. Rinke sagt: „Ich habe mich meistens von schönen Steinen inspirieren lassen.“ Mit seinen Fassungen habe diese nach vorne bringen wollen, in hochkarätigem Gelbgold ab 750 Karat aufwärts, in Silber oder beides kombiniert: „Oft ganz schlicht, ganz reduziert, und haptisch muss es gut sein.“ Platin und Weißgold lägen ihm nicht so.

Edle Steine vieler Art liegen reichlich in Rinkes Tresor. Er lacht. Eine Goldschmiedekrankheit sei das, und bei ihm besonders ausgebildet. Er mag nicht die lupenreinen, sondern die mit Einschlüssen, „wo Leben drin ist“. Wenn der Steinhändler gekommen sei, hätten ihn zehn angeschrien. Davon kaufte er sechs und verarbeitete drei. Die anderen wanderten in den Tresor. Und mit dem nächsten Steinhändler begann alles von vorne. „Es sind so tolle Steine, wo ich die Schreie nicht mehr gehört habe“, schmunzelt Rinke. Seit fünf Jahren habe er keinen Steinhändler mehr herein gelassen. 

Von all dem trennt er sich nun. Große Lettern verkünden es an der Ladentür und von Plakaten in der ganzen Region. Thomas Rinke hört auf. Er verkauft seine Bestände. Corona gab den Impuls: „Ich habe die Zeit genossen, in der der Laden geschlossen sein musste.“ Er lernte zu schätzen, wie schön es sein kann, nicht sechs oder sieben Tage die Woche im Laden stehen zu müssen. Und er muss es nicht mehr. Seit Mai ist Thomas Rinke Rentner.

Schmuck, Silberbecher und Steine verkauft er nun. Die Werkstatt daheim und das Werkzeug werden bleiben. Hin und wieder ein Stück zu fertigen für die Frau, die Töchter und die Schwiegertochter, das werde er bestimmt. Und dem Gold wird er auch nicht untreu. Er lacht: „Ich bleibe beim Material, es wird nur flüssig.“ Nach dem Tod eines Freundes habe er dessen Bienenvölker übernommen. Weil Thomas Rinke keine halben Sachen mag, absolvierte er beim Imkerverein Osterholz-Scharmbeck zusammen mit der Ehefrau einen Imkerkursus und wird dort demnächst im Vorstand mitarbeiten. Im nächsten Jahr will er außerdem in die Königinnenzucht einsteigen. Die Imkerei mache ihm Spaß. Und: „Es gibt auch noch ein Leben nach dem Goldschmied.“

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