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Traditionsgeschäft gibt nach fast 50 Jahren auf
Nicht mehr lange und ein weiteres Stück Aalener Geschichte endet. 49 Jahre lang hat Dezsö Ifju(77) sein Goldschmiede- und Platinstudio Ifju/73430 Aalen in der Innenstadt geführt, zuerst in der Hirschgasse (heute Radgasse), dann 42 Jahre in dem mehrere Hundert Jahre alten Fachwerkhaus am Spritzenhausplatz 7. Doch jetzt ist „Schicht im Schacht“, sagt der Kollege. Einen Nachfolger, der das Traditionsgeschäft übernimmt, gibt es nicht. Am 30. Juni geht die Tür nach Ladenschluss deshalb für immer zu.
Es gibt kaum einen Aalener, der das alteingesessene, inhabergeführte Juweliergeschäft nicht kennt. Viele verbinden mit einem Besuch in den Räumlichkeiten am Spritzenhausplatz auch viele Erinnerungen. Einige können sich noch gut an das Stechen der ersten Ohrlöcher erinnern, an den Besuch mit dem Vater, um für die Mutter ein passendes Weihnachtsgeschenk auszusuchen oder an das Anprobieren von Ehe- oder Verlobungsringen.
Ins Gedächtnis eingebrannt ist einigen auch noch die Dekoration, mit der Christel Ifju, die verstorbene Ehefrau von Dezsö Ifju, immer ein Händchen für Geschmack und Stil bewiesen hat. Und die ab und an aus dem Rahmen gefallen ist. Im positiven und außergewöhnlichen Sinne, wenn man etwa an die großen schwarzen Skorpione denkt, die 1983 die Blicke der Passanten und Kunden in einem Schaufenster in der Ecke des Ladens auf sich zogen.
„Jaja, die Skorpione.“ Auf diese wurde Dezsö Ifju in der Vergangenheit immer mal angesprochen, schließlich waren sie etwas Besonderes für die damalige Zeit. Als Wachtiere für die im Terrarium platzierten Schmuckstücke sollten sie, so der Glaube mancher Aalener, allerdings nicht dienen. Vielmehr seien sie aus Werbe- und Dekozwecken von einer Firma in München gemietet worden, sagt der Kollege, der rund drei Wochen lang auch das Vergnügen hatte, die Tiere mit ebenfalls gelieferten Heimchen zu füttern.
Dezsö Ifju stammt aus Budapest oder besser gesagt aus Buda. Auf diesen Unterschied legt er großen Wert. Denn der westlich der Donau, am rechten Flussufer liegende Stadtteil der ungarischen Hauptstadt ist mit seinem bergigen Umland seiner Ansicht nach der Schönere. Als gelernter Gold- und Silberschmied hatte er in dem sozialistischen Staat allerdings keinen leichten Stand, „es war sogar gefährlich“, erzählt Ifju. „Denn auf den Besitz und die Verarbeitung von halb fertigen Edelmetallen hatte der Staat ein Monopol.“ Mit 24 Jahren hat er schließlich die Volksrepublik Ungarn verlassen.
Noch heute erinnert er sich gut an seine Ankunft in Wasseralfingen am 17. Oktober 1972. Hier lernte er auch seine Frau Christel kennen, die vor rund drei Jahren verstorben ist. Das Datum, als er sie das erste Mal gesehen hat, weiß er heute noch aus dem Effeff. „Es war am 6. August 1973.“ An diesem Tag stand sie hinter der Ladentheke im Uhrengeschäft Maschke in der Wilhelmstraße, das ihre Mutter führte. In diesem wollte Ifju eine Feder kaufen, um den kaputt gegangenen Wecker seiner Großtante zu reparieren. Und samt der Feder wurde er kurzerhand für die Reparatur von Uhren eingesetzt und gewann schließlich auch das Herz der Tochter der Chefin. „Und das war gut so.“
Nach seiner Tätigkeit ab Januar 1973 in der Silberwarenfabrik Kern in Schwäbisch Gmünd und seiner Zeit dort in der Meisterschule von 1974 bis 1976 machten sich Dezsö Ifju und seine Ehefrau Christel am 21. März 1976 selbstständig. Das erste Geschäft führten sie in der damaligen Hirschgasse, heute Radgasse, das die Eltern von Ifju 1977 während ihres dreimonatigen Aufenthalts besuchten. Und sie seien sichtlich stolz darauf gewesen, was das Ehepaar, das sich schnell über die Grenzen der Kreisstadt hinaus einen Namen machte, erreicht hat. 1983 folgte schließlich der Umzug in das Gebäude am Spritzenhausplatz, wo davor das Kunstgewerbegeschäft Dorpa seinen Standort hatte.
Wie viele Goldschmiede er in den vergangenen fast fünf Jahrzehnten ausgebildet hat, kann Ifju nicht sagen. „Viele“. Und auch nicht, wie viele Schmuckstücke der Meister der Goldschmiedekunst in seiner Werkstatt im ersten Stock über dem Laden gefertigt hat. Die Werkzeuge hier stammen noch aus den Anfängen in dem Fachwerkhaus und sind wahre Raritäten. Aber auch neues Gerät findet sich hier, wie etwa ein Laserschweißgerät, für das „ich mir einen Mittelklassewagen hätte leisten können“, sagt Ifju. Das gesamte Inventar aus der Werkstatt will er seinem Neffen vermachen, der in Budapest Goldschmied ist.
Blickt Ifju zurück, kann er sagen, „es war zwar eine arbeitsintensive, aber tolle Zeit“. Positiv in all den Jahrzehnten empfinde er auch die Entwicklung der Innenstadt. Er werde nie vergessen, als er das erste Mal im Oktober 1972 von Wasseralfingen am Aalener Bahnhof ankam und dann zu Fuß zum Marktplatz gelaufen sei. „Alles war grau in grau und überall fuhren noch Autos durch die heutige Fußgängerzone.“ Da habe er sich schon gefragt: „Oh Gott, wo bin ich gelandet?“
Ob und an wen das Gebäude am Spritzenhausplatz 7 vermietet wird, weiß er nicht. Der Abverkauf von Schmuckstücken, die auch von Ifju höchstpersönlich gefertigt wurden, hat am Montag begonnen. Am 30. Juni hat das Juweliergeschäft zum letzten Mal geöffnet. Einen Monat werde anschließend der Auszug dauern. Das gesamte Fachwerkhaus muss ausgeräumt werden, vom Laden über die Werkstatt, die Büroräume, das Aktenlager bis hin zum Dachboden, der noch voll mit Dekomaterial sei.
Und dann? „Ich lasse alles auf mich zukommen“, sagt Ifju. Priorität habe seine Gesundheit, am 7. August werde er sich eines seiner beiden von Arthrose geplagten Knien operieren lassen. Auch will er ein oder zwei Monate Budapest und seine dort noch lebende Verwandtschaft besuchen. Viel Zeit hat er in seinem Ruhestand dann auch für seine vielen Freunde in Aalen. Auch wenn die Kunden die Schließung seiner Goldschmiede bedauern würden, sei es mit 77 Jahren Zeit, aufzuhören. „Das hätte Christel ganz genauso gesehen.“

