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In der Manufaktur der Stichnoths
Diamantbericht...Seit 66 Jahren gibt es die Goldschmiede Stichnoth/30159 Hannover, es waren mal 50 Filialen in ganz Deutschland. Heute gibt es zwölf, zwei davon in Hannover. Die Stichnoth-Brüder Jörg und Dirk haben die Manufaktur ihrem Vater Horst übernommen. Nun steht die dritte Generation bereit.
Es ist eine geheimnisvolle Welt, durch die Jörg (59) und Dirk Stichnoth (57) die NP führen. 1200 Quadratmeter groß ist die Manufaktur ihrer Goldschmiede. Ein Showroom mit Glasvitrinen voller Schmuck – alles handgefertigt, teilweise von den Chefs selbst. Danach geht es nach oben, hier arbeiten Auszubildende an Modellen für den 3D-Druck, an einer Werkbank lötet ein Goldschmied einen germanischen Kettenanhänger. Über eine versteckte Wendeltreppe geht es in einen Maschinenraum, an einem der Geräte hängen winzige Goldpartikel. Im Keller bearbeitet eine Maschine das Wachs für den 3D-Drucker, warmer Wasserdampf steigt auf.
Dirk Stichnoth kann jede einzelne Maschine erklären, bedienen – und sogar programmieren. Der Kollege erzählt von Besuchen in der Werkstatt seines Großvaters mütterlicherseits, ein Ingenieur. „Ich durfte als Einziger in seine Werkstatt“, sagt Dirk Stichnoth mit Stolz. Weitere Unterschiede zwischen den beiden Südstädtern: Jörg Stichnoth ist der Kommunikator. Er ist ein Charmeur, ein Scherzkeks, voller Energie. Genauso wie sein Hund Basco, der schon weit über seiner Lebenserwartung als Airedale Terrier liegt und seinem Herrchen trotzdem voller Elan die Treppen hoch und runter folgt.
Dirk Stichnoth ist der Ruhepol, er strahlt Behaglichkeit aus, seine Antworten sind besonnen. Doch wenn er über Edelsteine spricht, fangen seine tiefbraunen Augen an zu strahlen. „Ich liebe Edelsteine“, schwärmt er. „Schauen Sie sich mal diese Turmaline an und spüren Sie, was mit Ihnen passiert. Sie bringen einfach jeden zum Lächeln.“ Dirk Stichnoth hat noch eine Lederschürze an. „Bevor Sie gekommen sind, habe ich Edelsteine sortiert“, sagt er und grinst.
Die Faszination für Edelsteine liegt in den Genen. Ihr Vater Horst Stichnoth (†83) setzte sich gegen den Willen seines Vaters durch und lernte Goldschmied. „Unser Großvater hielt das für einen Beruf ohne Zukunft. Es war nach dem Krieg, die Menschen hatten kein Geld für einen Luxus wie Schmuck“, erzählt Jörg Stichnoth. Der Plan des Großvaters für seinen Sohn wäre der Weg in die Betriebswirtschaft gewesen. „Aber unser Vater hatte seine Leidenschaft: Gestaltung.“
Also ließ sich Horst Stichnoth in Hildesheim zum Goldschmied ausbilden. „Danach sparte er sich alles vom Munde ab, sparte vor allem an Essen, damit er sein Unternehmen gründen konnte. Zum Glück lernte er dann unsere Mutter kennen, die hat ihm was gekocht“, erzählt er und lacht. 1954 eröffnete Horst Stichnoth nach seiner Meisterprüfung seine eigene Werkstatt in Lehrte, fünf Jahre später zog er damit an Hannovers Aegi. Seine Frau Anneliese (85) stieg mit ins Geschäft ein, 1974 folgte die zweite Filiale, das Unternehmen wuchs.
Bei den beiden Söhnen wurde den Eltern schnell klar: Sie haben die Leidenschaft ihres Vaters geerbt. „Wir sind als Kinder immer mit in die Werkstatt gegangen und wollten zuschauen oder mitarbeiten. Wenn wir nicht in der Schule waren, waren wir dort.“ Heute sind beide ausgebildete Goldschmiede, Schmuckdesigner sowie Diamant- und Edelstein-Gutachter. 1990 übernahmen sie das Unternehmen von ihrem Vater, der 2014 starb.
Die Mutter, Anneliese Stichnoth, kommt noch heute mit ihren 85 Jahren in die Firma. „Sie sorgt dafür, dass alles rund läuft“, sagt Jörg Stichnoth und die Brüder lachen amüsiert. „Sie ist die Grande Dame des Unternehmens“, ergänzt Dirk Stichnoth. Jeden Tag schaut sie, ob die Akten richtig abgelegt sind – oder sortiert Edelsteine.
Die nächste Generation ist in den Startlöchern. Dirk Stichnoths Frau Martina (59) arbeitet in der Filiale am Kröpcke, das Paar hat drei Söhne: die Zwillinge Florian (30) und Tobias (30) sowie Malte (28). Florian hat Goldschmied gelernt und mittelständische Wirtschaft studiert, Malte hat Wirtschaftswissenschaften studiert. Er soll das Familienunternehmen übernehmen. „Diese Leidenschaft für Gestaltung zieht sich bei den Stichnoth-Männern wie ein roter Faden durch.“ Jörg Stichnoth hat zwei Töchter (25 und 21, beide studieren), für jede trägt er eine Armbanduhr. Wieso das? „Als wir noch in Asien produziert haben, war ich ständig in China und Thailand unterwegs. Jeden Abend um 19 Uhr habe ich meine Töchter angerufen, um ihnen Gute Nacht zu sagen. Damit ich die Zeit im Blick behalte, habe ich zwei Uhren getragen – und das ist bis heute so geblieben.“ Seine Töchter seien seine wertvollsten Schmuckstücke, sagt der stolze Papa.
In ihrer Hochzeit hatten die Stichnoths 50 Filialen in ganz Deutschland, ließen große Absatzmengen in Fernost produzieren, entworfen wurde in Hannover. Vor ein paar Jahren drehten sie den Spieß um: Sie holten die komplette Produktion zurück nach Hannover und reduzierten die Filialen auf zwölf (unter anderem in Hamburg, Frankfurt am Main, Dresden und Bremen), zwei sind in Hannover (Georgstraße und Rathenaustraße). Sie investierten 4,5 Millionen Euro in ihren Maschinenpark, stellen in ihrer Produktionsstätte sogar ihre Ladenvitrinen und Werbeschildern her.
„Durch die neuen technischen Möglichkeiten wie den 3D-Druck haben wir heute die Möglichkeit, preiswert in Deutschland produzieren zu können.“ Und es ist nachhaltiger als in Asien, denn dort lohnt sich die Produktion nur bei großen Absatzmengen. „Wir wollen keinen Massenschmuck, sondern individuellen bezahlbaren Schmuck für jeden Kunden machen.“
Nur die Edelsteine kaufen die Stichnoths ein, alle anderen Materialien stammen vom Gold- und Edelmetall-Ankauf ihrer Kunden. Sogar die Uhren bauen sie selber. Ihr größtes Bestreben sei es, das aussterbende Handwerk neu zu erfinden und in die Moderne zu übertragen. „Damit wir es für die Generation nach uns sichern können.“

