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Oberpfalz verklagt
Peter Kreitmeir(65)/82418 Murnau hat ein Ziel vor Augen. Er möchte den künstlerischen Nachlass seines Großvaters Hans Winterberg (1901 bis 1991) wieder aufleben lassen. Der Murnauer Goldschmied will, dass die Werke in Konzertsälen aufgeführt werden. Kreitmeir ist alleiniger Inhaber der Urheberrechte mit allen Verwertungs- und Nutzungsrechten.
Er hofft, auch Tantiemen zur Deckung seiner Kosten zu erhalten, die durch Erforschung, Dokumentation und Förderung des Werkes und Lebens von Hans Winterberg entstehen. Kreitmeirs Großvater – ein Prager Jude, der in der Nazizeit nur knapp dem Tod im Konzentrationslager Theresienstadt entgangen ist – hat rund 80 Sinfonien, Klavierkonzerte sowie Klavier- und Kammermusik komponiert.
Kreitmeir setzt sich mit aller Kraft für das Werk ein. Das ist ihm zur Lebensaufgabe geworden. Doch es läuft nicht so, wie er sich das vorstellt. Er ist im Clinch mit dem Bezirk Oberpfalz. Genauer: mit dem dort angesiedelten Sudetendeutschen Musikinstitut (SMI) in Regensburg. Dieser Einrichtung und vor allem dessen Leiter wirft Kreitmeir vor, seine Arbeit zu torpedieren und massiv zu behindern. Im SMI liegt der schriftliche, künstlerische Nachlass Winterbergs.
Auf seiner Homepage fordert Kreitmeir „die unverzügliche Herausgabe der Orignalnoten in fürsorgliche Hände wie die des Exil.arte Zentrums der Musikuniversität Wien. Dort ist eine wissenschaftliche Aufarbeitung gewährleistet.“
Die kritisierte Behörde weist die Vorwürfe zurück. „Der Bezirk Oberpfalz hat Herrn Kreitmeir bereits zweimal eine Kooperationsvereinbarung angeboten, um die Bearbeitung des Nachlasses zu ermöglichen.“ Doch er sei auf das Angebot nicht eingegangen, sagt Günter Bonack vom Pressereferat des Bezirks Oberpfalz. Das SMI „hat den Nachlass des Komponisten Hans Winterberg im Jahr 2002 erworben, weil es das Werk sichern und erhalten wollte“. Dass ein Interesse an der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Werkes bestehe, zeige das Kooperationsangebot.
Die Fronten sind verhärtet. „Der Umgang mit dem musikalischen Nachlass des jüdischen Komponisten Hans Winterberg ist eine Schande für den Bezirk Oberpfalz“, wettert Kreitmeir. Behördensprecher Bonack sagt dazu nur: „Das ist die Meinung von Herrn Kreitmeir, die wir so in der Sache nicht nachvollziehen können.“ Ähnlich wie Kreitmeir äußert sich Professor Gerold Gruber, Leiter des Forschungszentrum Exil.arte. „Es ist eine Schande, dass das SMI diese Musik so lange zurückgehalten hat.“ In 18 Jahren sei nichts passiert. Den Vorwurf Kreitmeirs, die Winterberg-Noten würden nicht ordnungsgemäß gelagert, weist der Bezirk Oberpfalz zurück.
Kreitmeir stört noch mehr. Der Inhalt des Vertrags von 2002 etwa. Darin heißt es: „Das Sudetendeutsche Musikinstitut verpflichtet sich, Hans Winterberg in all seinen Äußerungen schriftlich oder mündlich ausschließlich als sudetendeutschen Komponisten zu bezeichnen. Auch Zusätze wie ,jüdischer Herkunft‘ oder ähnliche, die als Hinweis auf jüdische Herkunft dienen können, dürfen nicht verwandt werden. Diese Vereinbarung gilt zeitlich und örtlich unbegrenzt.“ Kreitmeir kann da nur den Kopf schütteln: „Das SMI/der Bezirk Oberpfalz hat damals mit dem damaligen Erben Christoph Winterberg, ohne mein Wissen, eine antisemitische Vereinbarung unterzeichnet, die die jüdische Herkunft von Hans Winterberg verleugnet und er laut dieser Vereinbarung immer – zeitlich und örtlich unbegrenzt – als Sudetendeutscher Komponist zu bezeichnen ist.“ Kreitmeir findet: „Dieser Vertrag hätte niemals vom SMI gegengezeichnet werden dürfen.“ Die Vertragsbestimmungen wurden jedoch schon 2015 aufgehoben.
Kreitmeir hat den Bezirk Oberpfalz auf Herausgabe der Winterberg-Noten verklagt. Der Rechtsstreit wurde am Landgericht Nürnberg-Fürth verhandelt. Zu einer Einigung kam es nicht.
In dem Konflikt geht es nicht nur um Noten. In einer Kooperationsvereinbarung wird der Goldschmied vom Bezirk Oberpfalz aufgefordert, eine Unterlassungsverpflichtung zu unterzeichnen, „endgültig und unwiderruflich davon Abstand zu nehmen und zu behaupten, das SMI oder deren Leitung hätte im Zusammenhang mit dem Werk von Hans Winterberg aus antisemitischen Motiven heraus gehandelt und sich antisemitisch geäußert.“ Der Murnauer betont: „Ich habe nie gesagt, dass ,das SMI und/oder deren Leitung aus antisemitischen Motiven heraus gehandelt bzw. sich antisemitisch geäußert‘ hat.“ Er habe gesagt, dass der Vertrag von 2002 antisemitisch sei. „Nicht mehr und nicht weniger.“
Inzwischen ist auch Ludwig Spaenle (CSU), Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, mit der Sache befasst. Kreitmeir zeigt sich zuversichtlich, dass durch Vermittlung Spaenles und Bernd Posselts, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, ein Leihvertrag zwischen dem Bezirk Oberpfalz und der Universität für Musik in Wien bezüglich der Originalnoten zustande kommt.
In der österreichischen Hauptstadt steht man Gewehr bei Fuß. „Für mich ist es wichtig, dass die Musik aufgeführt und wissenschaftlich aufgearbeitet wird“, betont Exil.arte-Leiter Gruber. Winterbergs Musik sei „hervorragend“, betont der Wissenschaftler. Er fordert: „Es muss sich etwas tun bei den Leuten in Regensburg. Wir wollen diese Musik herausbringen.“ Um die Edition umzusetzen, brauche man die Originale. Denkbar wäre eine Leihgabe über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Das SMI hält „eine solche Zusammenarbeit grundsätzlich für möglich“, sagt Bonack. „Es behält sich aber diesbezüglich als Eigentümerin des Nachlasses ein Mitspracherecht vor.“

