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Sammler schlägt zu

Vor einigen Tagen wurde für ein Stück Hanauer Traditionshandwerk ein bislang unvorstellbarer Preis erzielt: Bei 450 .000 Euro fiel der Hammer zugunsten eines, wie immer bei solchen Auktionen, ungenannten Käufers. Er erwarb dafür einen Marschallstab aus der Zeit des Dritten Reiches. Zum Zuschlagpreis wird ihm noch ein Aufgeld in Rechnung gestellt, sodass der Liebhaber eines solchen Objekts deutlich über eine halbe Million ausgegeben hat.

Seit vielen Jahren schon geistern die Hanauer Marschallstäbe immer wieder in den einschlägigen Kreisen herum. Sie waren Insignien der höchsten Wehrmachtskreise im Nationalsozialismus. Hitler umgab sich gerne mit seinen Marschällen, darin einem römischen Imperator nacheifernd. Jedoch gehörten zu diesem Kreis nicht nur Günstlinge des Führers, auch so mancher fähige Militär stieg in diese Elite auf. Und stürzte bisweilen umso tiefer.

Initiiert worden war der Kult von Generalfeldmarschall Hermann Göring. Der Marschallstab gehörte zum vielfach operettenhaften Auftreten dieser zweifelhaften Elite des 1000-jährigen Reiches. Natürlich wurden diese Objekte in edlen Metallen ausgeführt, womit wir bei Hanau wären. Dieses bedeutende Zentrum der Edelmetallgestaltung war frühzeitig von den Nationalsozialisten auf Kurs gebracht worden: Emil Lettré, damals bereits ein Gestalter von internationalem Rang, kam 1934 in seine Geburtsstadt zurück, um die Zeichenakademie, an der er selbst studiert hatte, im Sinne des Nationalsozialismus auf Kurs zu bringen. Die einst progressive Akademie, wo Reinhold Ewald und Hugo Leven wirkten, degradierte er im Sinne eines „deutschen Handwerks“ zur „Goldschmiedeschule“. Mitten im Zweiten Weltkrieg, als die Zivilbevölkerung bereits unter den Vorboten des Bombenterrors litt, und nur wenige Wochen, bevor die Schlacht um Stalingrad die Wende des Zweiten Weltkriegs einläutete, wurde in Hanau im Herbst 1942 das Deutsche Goldschmiedehaus eröffnet. Auch das wirft ein Schlaglicht auf die Beziehung der Akteure zum Hitler-System.

Die Idee dazu kam denn auch nicht aus Hanau, sondern aus Berlin, von Hofjuwelier Ferdinand Richard Wilm. Von ihm wird auch noch im Zusammenhang mit den Marschallstäben zu reden sein. Wilm pflegte enge Bindungen zu Hanau und hatte 1932 die „Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst“ mit gegründet. Seit 1930 schon trieb ihn die Idee eines „Hauses der deutschen Goldschmiede“ um, 1942 war er dann am Ziel. Neben dem Plazet des Hanauer OBs Müller-Starke erwies sich als vorteilhaft, dass der damalige Bürgermeister und eigentliche starke Mann im Rathaus, Walter Junker, das Projekt begeistert aufnahm. Er war ein strammer Nazi und hatte sich schon seit Jahren für die Freilegung des Fachwerks in der Hanauer Altstadt, was als besonders „deutsch“ galt, stark gemacht. So fielen die Pläne eines „Deutschen“ Goldschmiedehauses im Altstädter Rathaus auf fruchtbaren Boden.

Dies alles wäre nicht möglich gewesen ohne einen weiteren Akteur: Hermann Esser, ein „alter Kämpfer“ und Weggefährte Hitlers in der Münchner Kampfzeit. Er war Staatssekretär im Reichspropagandaministerium des Herrn Goebbels, fungierte als Präsident des Reichstages und -– als Präsident der Gesellschaft für Goldschmiedekunst. In deren Präsidium treffen wir auch wieder auf Emil Lettré.

Wilm war im nationalsozialistischen Berlin gut vernetzt. Und geschäftstüchtig. Er erreichte, dass die Aufträge für die Marschallstäbe der Wehrmacht ausschließlich an die Firmen Godet & Co. und H. J. Wilm gingen. So auch der Halb-Millionen-Stab der jüngsten Auktion. Wilm jedoch gab viele dieser Aufträge an „Subunternehmer“ weiter, von denen etliche in Hanau saßen. Vor allem die Firma Birkner & Wolfarter belieferte Wilm. Dieser ließ für die aufwendig gestalteten Stäbe nicht minder aufwendige Etuis anfertigen, die er dann mit seinem Firmenlogo versah und auslieferte. Auch der jetzt verauktionierte Stab, der dem Luftwaffenfeldmarschall Milch zugedacht war, unterlag diesem Prozedere. Auch in Hanau haben sich – allerdings im Giftschrank des historischen Museums – einige Stäbe erhalten, Entwürfe oder Aufträge, die wegen des Kriegsfortgangs nicht mehr ausgeliefert wurden. So genau hat das noch niemand erforscht. Der frühere Museumsleiter Dr. Anton Merk, allem Militärischem abhold, wollte auch mit diesem „Militärglump“ weder etwas zu tun haben, noch diesem irgendeine Öffentlichkeit verschaffen. Wiederholte Versuche Interessierter in den 1990er Jahren verliefen im Sande. So sind die Stücke bis heute unter Verschluss.

Und in der Tat begibt man sich mit solcherlei historischen Relikten schnell auf dünnes Eis. Einerseits sind sie selbstverständlich Teil der Hanauer Geschichte, andererseits repräsentieren sie ein System und eine Denkweise, die seit 1945 überholt sind. Dass allerdings auch 75 Jahre später stellenweise noch immer Reste dieses „Denkens“ durchscheinen, zeigt die aktuelle politische Diskussion.

Aber auch beispielsweise ein Blick in die Welt des Sammelns. „Nazikram“ läuft, ob bei eBay trotz angeblicher Kontrolle und Streichung von Angeboten, oder bei „normalen“ Auktionen, dort mit Hinweis auf den § 86a: Ja, natürlich werden diese Objekte nur zu Zwecken der politischen Bildung und wissenschaftlichen Forschung verkauft! Bildung aber wird der Erwerber des Marschallstabs von Herrn Milch sicher nicht im Sinn gehabt haben. Vielmehr ist dieser Verkauf ein Hinweis auf eine blinde Leidenschaft, die an den Skandal um die Hitler-Tagebücher vor einem Vierteljahrhundert erinnert.

Keine halbe Million Euro, sondern nur rund 800 US-Dollar muss indes ein Freund solcher Objekte hinlegen, wenn er sich mit einer Replik, einer Nachahmung, zufrieden gibt. Und damit sind wir auch wieder bei Hanau. Einer der größten Händler von Nazi-Devotionalien in den USA, wo seit jeher ein öffentlich getragenes Hakenkreuz nicht gerade Aufsehen erregt, bietet solche Marschallstäbe „in solider handwerklicher Ausführung“ und für jeden Geschmack an. Ironie der Geschichte: Der Inhaber dieses Ladens, totls.com, ist ein gewisser Commander Scott und war im Hanau der 1960er Jahre keine unbekannte Figur. Als selbst ernannter „Baron Scott Svengali von Kuenstler“ geisterte der wehrpflichtige US-Soldat aus Kalamazoo (Michigan), stationiert beim 275th Chemical Detachement in Wolfgang, durch die Szene. Zwischen Zeichenakademie und Ostermarsch-Szene reüssierte er als Protestsänger gegen den Vietnamkrieg unter anderem 1966 bei einem Konzert in der Alten Johanniskirche. Dass er in Hanau, dem Ort wo die deutschen Marschallstäbe herkamen, nach Dienstschluss gegen den Vietnamkrieg ansang, war ihm damals gewiss nicht bewusst. Aber dass er sich vom ewig mit der US-Army hadernden wehrpflichtigen Protestsänger später einmal ins glatte Gegenteil wandeln würde sicher auch nicht.

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