- Kategorie: Überfälle
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Kutter/70173 Stuttgart
Es waren Szenen wie in einem Krimi, doch was sich hier in der Stuttgarter Innenstadt abspielte waren keine Dreharbeiten, sondern spektakuläre Realität: Tatort Königsstraße mitten in der belebten City:
Zunächst betritt ein Mann das dortige Juweliergeschäft Kutter/70173 Stuttgart und bittet einen der Angestellten nach draußen ans Schaufenster. Unmittelbar zu diesem Zeitpunkt stürmen zwei vermummte Räuber das Juweliergeschäft, bedrohen in gebrochenem Englisch die Angestellten und lassen sich unter Androhung einer Schusswaffe Vitrinen öffnen. Die Gangster raffen unzählige hochwertige Uhren in zwei Taschen und flüchten blitzartig über die Königstraße. Doch offenbar hatten diese nicht mit der Zivilcourage der Stuttgarter Bevölkerung gerechnet: Drei Passanten verfolgen die flüchtenden Männer die Aktion verläuft dramatisch, denn während der Verfolgung schoss einer der Flüchtenden sowohl in die Luft als auch in Richtung seiner Verfolger, um diese abzuhalten. Doch diesen gelang es trotzdem, zumindest einen der Gangster im Bereich der Kronprinzstraße zu fassen.
Der 31-jährige Mann konnten überwältigt und bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten werden. Bei der darauf folgenden Festnahme durch Polizeibeamte wenige Minuten nach dem Überfall wurde bei dem Tatverdächtigen auch eine der Taschen mit einem Teil der Beute sichergestellt. Zudem wurde in dem Bereich Hülsen einer Schreckschusswaffe sichergestellt. Andere aufmerksame Passanten gaben den Hinweis, ein oder zwei Täter seien in ein Geschäftsgebäude an der nahegelegenen Theodor-Heuss-Straße geflüchtet. Das Gebäude wurde daraufhin abgesperrt. Schwer bewaffnete und vermummte Spezialkräfte des SEK rückten an, um das Haus zu stürmen mit einem weiteren Erfolg: Ein Tatverdächtiger konnte in dem Gebäude festgenommen werden. Die festgenommen Tatverdächtigen sind 34 und 31 Jahre alt, stammen beide aus Estland. Sie werden mit Antrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart auf Erlass von Haftbefehlen am Freitag einem Richter vorgeführt. Die Fahndung nach einem dritten weiterhin flüchtigen Täter dauerte bis zum Abend an. Dazu war auch ein Polizeihubschrauber zur Fahndung in der Innenstadt eingesetzt.
Die Geschichte von den mutigen Zeugen, hat jetzt allerdings ein überraschendes Nachspiel: Die Polizei ermittelt gegen einen 36-jährigen Hilfsarbeiter wegen Unterschlagung. Er soll eine finanzielle Zuwendung des Juweliers, die seinem Kollegen zugedacht war, selbst eingesteckt haben und damit verschwunden sein.
Der 34-jährige Betroffene aus Untertürkheim konnte es gar nicht fassen. "Der hat mir nichts davon gesagt, dass er bereits am vergangenen Freitag beim Juwelier war und von ihm zwei Kuverts bekommen hatte", schimpft er. Die beiden Männer sind über eine Zeitarbeitsfirma an ein Unternehmen vermittelt worden, das derzeit die Elektroeinrichtungen beim Weihnachtsmarkt installiert. Zusammen hatten sie am 11. November in ihrer Mittagspause einen 31-jährigen Esten dingfest gemacht, einen von drei Tätern, die Uhren im Wert von mehreren Hunderttausend Euro erbeutet hatten. Sie hatten sich dabei auch von Schüssen nicht abschrecken lassen.
Doch hinterher scheint sich jeder selbst der Nächste zu sein: Am Mittwoch meldete sich der 36-Jährige vom Elektroinstallateur ab, kehrte in seine Heimat in Norddeutschland zurück. Als der 34-Jährige am selben Abend beim Juwelier vorstellig wurde, erfuhr er erstmals von besagtem Kuvert. Der Kurzzeitkollege war nicht mehr zu erreichen. Der 36-Jährige hatte sich zuvor noch öffentlich beklagt, dass es von der Polizei keinen Dank für seinen Einsatz gegeben habe. Der nächste Kontakt dürfte unerfreulicher sein - der Hilfsarbeiter wird als Beschuldigter geführt, nachdem der 34-Jährige Anzeige gegen ihn erstattet hat.
Dem Juwelier ist der Fall höchst unangenehm. "Dabei war das noch gar nicht die Belohnung, sondern nur ein kleiner Betrag als erstes kleines Mini-Dankeschön, auf den Schreck am Tag danach", sagt Geschäftsführer Jochen Möhrle.
Alle Zeugen - die beiden Hilfsarbeiter, aber auch drei Studenten sowie ein Referendar - "haben fantastisch reagiert und gehandelt", sagt Möhrle. Immerhin konnten so alle 63 geraubten Uhren sichergestellt werden. Um die Wertschätzung des Unternehmens für die Zivilcourage auszudrücken, bereite man eine größere Dankesaktion vor, bei der es einen "namhaften Bargeldbetrag und einen hochwertigen Gutschein" geben werde. Gedacht sei auch an eine Einladung zu einer eigenen Veranstaltung.
Der treulose Zeuge dürfte durch die polizeilichen Ermittlungen wegen Unterschlagung davon aber nichts mehr zu sehen bekommen: "Damit", sagt Geschäftsführer Möhrle, "hat er sein Glück verspielt."

