Video vom Millionen-Raub

Unter das erlesene Publikum der Kunstmesse Tefaf/NL-Maastricht mischten sich auch in diesem Jahr Räuber. Sie könnten mit ihrem Überfall auf einen Juwelier bei laufendem Betrieb einen Millionen-Coup gelandet haben. Hier sehen Sie ein Video von dem Überfall.

Am 28.06.2022. 10 Uhr Einlass. Vor den Sicherheitsschleusen mit Durchleuchtungsgeräten für Taschen und begehbaren Metalldetektoren stehen Hunderte von Besuchern. Sie alle wollen Einlass auf die Tefaf, die bedeutendste aller Kunst- und Antiquitätenmessen, ein quasi temporäres Museum mit käuflichen Werken der Extraklasse vom Rembrandt bis zum Diamant-Collier der Schauspieldiva Elizabeth Taylor. Eine Kunstmesse mit der größten Dichte an Angeboten für Alexander-Calder-Skulpturen und Cy-Twombly-Kunstwerken und einem märchenhaften Versicherungswert etlicher Milliarden Euro für präsentierte Ware.

Die Gänge füllen sich. Die Stimmung beim Gläschen Champagner war ausgelassen. Und obwohl die Preview-Tage mit Megaumsätzen die Händler bereits hinter sich haben und die Dichte geparkter privater Learjets am ansonsten überfüllten kleinen Flughafen im niederländischen Maastricht abgenommen hat, füllen sich auch noch nahezu zwei Stunden später die Gänge auch rund um den Stand der Londoner Juweliere Symbolic & Chase, an dem zu dieser Zeit unter den Augen zahlreicher Besucher ein Überfall bei laufendem Geschäft stattfand.

Gegen 11.40 Uhr betraten vier Männer mit offensichtlich falschen Bärten die Ausstellungshalle, überfielen den Juwelier und lösten anschließend Panik aus. Es kam zu tumultartigen Szenen; Verletzte gab es jedoch nicht. Nach kurzer Zeit flüchteten die Männer, die mit Sakkos und Schiebermützen bekleidet waren, jedoch keine Masken trugen.

Auf einem in Twitter geposteten Video sind mehrere Männer zu sehen, von denen einer mit einem Vorschlaghammer eine der Vitrinen zerschlägt. In der Zwischenzeit zieht ein anderer eine Waffe und richtet sie auf jeden, der den Überfall stören will. Nach Angaben von Robbert van Ham, der mit der Jaski Art Gallery am direkt gegenüberliegendem Stand an der Messe teilnimmt, hatten es die Diebe ausschließlich auf die Exponate der Londoner Juweliere abgesehen. „Die Vitrinen wurden zerschlagen. Es war schockierend, denn es waren auch Schusswaffen im Spiel. Es wurde nicht viel gestohlen“.

„Die Tefaf hat strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Deshalb wurde das Zentrum vorübergehend evakuiert. Teilnehmern und Besuchern, die das Gelände verlassen haben, wurde die Rückkehr gestattet. Tefaf und MECC arbeiten eng mit den Behörden zusammen. Zu diesem Zeitpunkt werden keine weiteren Ankündigungen gemacht“, gaben die Messeveranstalter gegen 13 Uhr in einer Erklärung an. 

Während die Polizei zwei Belgier im Alter von 22 und 24 Jahren und damit zwei der insgesamt vier mit Vorschlaghammern und Pistolen bewaffneten Männer noch auf der Autobahn vor ihrer Ausreise festnehmen konnte, läuft derzeit die Suche nach den noch flüchtigen Dieben und deren Beute „durch mehrere Einheiten“ der polizeilichen Sicherheitskräfte unter Hochdruck weiter.

Obwohl derzeit noch nicht bekannt ist, welche Gegenstände die Diebe erbeutet haben, könnten sie eine Halskette im Wert von 27 Millionen Euro am Messestand des Juweliergeschäfts mitgenommen haben. Wie im Video zu sehen ist, hebt der Dieb, der die Vitrine aufbricht, mit seinem Arm einen Gegenstand auf, steckt ihn in eine Tasche und rennt dann vom Tatort davon. Eine scheinbar kalkulierte Handlung, die darauf zurückzuführen sein könnte, dass die Diebe es auf etwas Bestimmtes abgesehen hatten.

Während der erfahrene Kunstdetektiv Arthur Brand gegenüber „De Telegraaf“ erklärt: „Der schiere Mut, in einer überfüllten Tefaf mit Mützen und Schnurrbärten verkleidet einen Raub zu begehen und mit einem Vorschlaghammer auf die Vitrinen loszugehen, erinnert mich an eine osteuropäische Methode, bei der sich Banden auf diese Art des Vorgehens spezialisiert haben“, während  Sicherheitskreise nach ersten Ermittlungen auch die Möglichkeit andeuten, dass in Belgien lebende arabische Clans mit dem Verbrechen im Dreiländereck zwischen Niederlande, Belgien und Deutschland zu tun haben könnten.

Sollte sich diese Ermittlungsspur als wahr erweisen, würde das die jüngst in einem Prozess wachgerufenen Erinnerungen an den Raub von 21 historischen Schmuckstücken mit insgesamt 4.300 Diamanten und Brillanten im Grünen Gewölbe in Dresden wie ein Déjà-vu erscheinen lassen. Für den Raub in Dresden müssen sich derzeit mehrere mutmaßliche 23- bis 28-Jährige aus einer bekannten arabischstämmigen Berliner Großfamilie in einem Prozess verantworten, nachdem diese wertvolle diamantbesetzte Schmuckstücke durch Einschlagen mit Vorschlaghammern auf das Panzerglas der Sicherheitsvitrinen und unter den Augen von Sicherheitsleuten im Gesamtwert von geschätzten 113 Millionen Euro erbeuten konnten.

Von diesen Schmuckstücken nimmt man an, dass sie wie im aktuellen Fall der Tefaf auch ihrer Weiterverwertung am Weltmarktplatz der Diamantenschleifer und -Händler im belgischen Antwerpen entgegensehen. Die Juwelen aus Dresden sind jedenfalls bis heute nicht wieder aufgetaucht, und auch bei den Räubern der Tefaf wird vieles davon abhängen, ob die beiden flüchtigen Diebe gefasst werden und mit ihnen die Beute. Denn ein Zerlegen von Schmuckstücken und ein gegebenenfalls Umschleifen oder Teilen der wertvollen Steine lassen die Beutestücke schnell wieder zu frischer Ware in einem immer auch sehr verschwiegenen Markt für Diamanten werden. 

Derweil wollte sich die Tefaf-Geschäftsführung nicht dazu äußern, wie vier bewaffnete Räuber in die Tefaf gelangen konnten. „Wir machen nie irgendwelche Ankündigungen über unsere Sicherheitsmaßnahmen“, ließ man verlauten. Die Fragen bleiben. Während ein Polizeisprecher sagt, dass es jetzt wieder ruhig auf dem Gelände ist, liegt bei dem gestrigen Coup der Schluss nahe, dass es Ermittlerkreisen zufolge Helfer oder Mitwisser in den Hallen gab. In Anbetracht hermetisch kontrollierter Eingänge ist ein Passieren der Einlasskontrollen mit den hier verwendeten Waffen undenkbar. Aber auch auf Grundlage der immer aufs Neue verbesserten Sicherheitskonzepte aus vergangenen Erfahrungen.   

Denn es ist nicht das erste Mal, dass die Tefaf mit einer solchen Situation konfrontiert ist. In der Tat scheint es sich um eine Messe zu handeln, die, obwohl sie eine der wichtigsten und mit den größten Sicherheitsvorkehrungen ausgestattete Messe auf dem globalen Kunstmarkt ist, dennoch oft ein klares Ziel für Kriminelle ist, von denen sich aber vor allem Juwelendiebe angesprochen fühlen. Ähnliche Diebstähle gab es bereits in den Jahren 2008 und 2010, wobei Schmuck im Wert von fast zwei Millionen Euro gestohlen wurde.

Im Jahr 2008 wurde ein Diamantencollier im Wert von 1,2 Millionen Euro gestohlen. 2010 waren es ein Platinring mit Diamanten und ein Anhänger im Wert von 860.000 Euro. Obschon im ersten Fall fünf Verdächtige verhaftet wurden, von denen zwei zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt wurden, fehlt vom Schmuck in beiden Fällen bis heute jede Spur. Morgen endet die mit 242 Händlern aus rund 20 Ländern durchgeführte Kunstschau der Superlative. In Maastricht dürfte es dann wieder deutlich ruhiger werden.

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