Unmaskierte Schweiz

unsere Münder in der Öffentlichkeit vorschriftsgemäß verschwinden lassen. Auf die Dauer ist das nicht gut fürs Gemüt, das macht das Herz schwer, weil es dem Menschen das Menschsein nimmt. Deutschland nimmt sich das besonders zu Herzen und ist deswegen wahrscheinlich gerade das am schlechtesten gelaunte Land der Welt. Doch es gibt noch gute Laune auf Erden, Lebensfreude, Alltagsgenuss, das große Glück der kleinen Freiheit- in der Schweiz zum Beispiel, die vor ein paar Tagen ihre Außengastronomie wieder geöffnet hat, in Basel, in Bern, in Zürich, überall. Zürich lacht. Die ganze Stadt scheint nur auf diesen Augenblick gewartet zu haben und sitzt jetzt geschlossen auf den Terrassen der Restaurants, Bars und Cafés. Immer mit Abstand, nie mit Maske. Die Menschen trinken Wein und Aperitif, essen Raclette oder Rösti. Alle Altersklassen sind vertreten, alle Menschen scheinen unentwegt zu lächeln, denn selbst 'auf der Straße trägt kaum jemand Gesichtsmaskierung. Es ist ein seltsam bedrückend beglückendes Gefühl, weil diese Menschen uns zeigen, in welch seltsamer Welt wir in Deutschland gerade leben und in welcher viel schöneren wir doch leben konnten.

Obwohl die pandemischen Zahlen in der Schweiz weder besser noch schlechter sind als bei uns, gibt es dort keine Paranoia keine Panik und kein Passant springt verschreckt zur Seite, wenn ein Unmaskierter entgegenkommt. Es herrscht aber auch keine apokalyptische, Peststimmung. Man genießt nicht die Henkersmahlzeit vor dem Weltuntergang, sondern ein Glas, weil man weiß, dass die Welt nicht untergeht - und bestellt zur Feier des Tages gleich noch ein Glas.

Haben die Schweizer in der Pandemie ihren gesunden Menschenverstand verloren? Sind sie verrückt geworden, weil sie sich - anders als wir - nicht einsperren lassen und sofort hinausgehen, sobald man sie nicht mehr aussperrt? Oder sind sie einfach nur unvorsichtig, gedankenlos?

So sehen sie nicht aus, sondern wie Menschen, denen die Freiheit ein höheres Gut ist als der absolutistische Gesundheitsschutz, wie Bürger, die lieber den Staat kontrollieren, als sich von ihm kontrollieren zu lassen. Sie scheinen zu wissen, was Eigenverantwortung und Risikoabschätzung ist, sie wägen ab zwischen realistischer Gefahr und eingebildeter Bedrohung. Deswegen sitzen sie draußen auf den Terrassen und trinken Wein. Deswegen sind auch die Geschäfte schon offen, die ihren Besuchern ganz nüchtern mitteilen, dass "die Situation dynamisch" sei und man sich informieren solle. Das Leben kann weitergehen.

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